Call for Participations

Reichweite einer Pädagogik sozio-emotionaler Entwicklungsförderung

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Prävention und Evidenz avancieren im 21. Jahrhundert zu einem sog. „Paradigma“ der Heilpädagogik. Disziplinäre und professionsbezogene Entwicklungen vollziehen sich in Auseinandersetzung mit diesen „Methodologien wissenschaftlicher Forschungsprogramme“ (Lakatos, 1978). Finden aber Prävention und Evidenz im Sinne des Paradigmenbegriffs von Kuhn (1967) bereits einen allgemeinen Konsens im sonderpädagogischen Wissenschaftsgebiet?

Zum Ziel der Heilpädagogik gehört u.a. auch das Innovieren im Theorie-Praxis-Gefüge. Präventive pädagogische Konzepte wie der School Wide Positive Behaviour Support (SWPBS), evidenzbasierte Förderung mit Sozial-Emotionalem-Lernen (SEL) (u.a. McCormick et al., 2019) und mentalisierende Zugänge (Gingelmaier et al., 2018) stellen exemplarisch drei solcher innovativer Forschungsprogramme – im Sinne multiprofessioneller Querschnittsthemen – für die heilpädagogische Profession dar.

Innerhalb der Schweiz gilt seit der Einführung des Lehrplans 21 Persönlichkeitsbildung und damit sozio-emotionale Entwicklung – im Sinne einer überfachlichen Kompetenzvermittlung – als bildungspolitische Zielsetzung für alle Schüler:innen. Ein zentrales Anliegen schulischer Bildung wird somit die Sicherstellung der Lern-, Leistungs- und Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Mit dieser normativen Setzung einer Zuständigkeit und Anwaltschaft der Heilpädagogik für alle Kinder und Jugendliche – im Sinne von Prävention – geht ein Perspektivwechsel pädagogischer Disziplin einher.

Zu einer evidenzbasierten Wissenschaft und Praxis sind ergänzend Aspekte der Ethik und der normativen Einbettung einer solchen präventiven Zuwendung zu diskutieren. Prävention und Evidenz sind – innerhalb einer immer wieder zu bestimmenden Reichweite von Disziplin und Profession – als Forschungsprogramme der Heilpädagogik mit Risiken und Nebenwirkungen, aber auch mit Möglichkeiten und Chancen zu diskutieren.

Die Reichweite einer sich als interdisziplinär verstehenden Disziplin zeigt sich auch in der multiprofessionellen Zusammenarbeit. Wie der Transfer heilpädagogischen Wissens und Könnens im Bereich sozio-emotionale Entwicklung in pädagogisch-therapeutische Berufe professionalisiert werden kann, ist dabei auszuloten.

Beiträge zu einer Bestimmung von Gegenstand und Reichweite einer Pädagogik sozio-emotionaler Entwicklungsförderung sind auf professionsbezogener Ebene ebenso indiziert, wie eine disziplinäre wissenschaftsmethodologische Auseinandersetzung mit der Gegenstand-Methoden-Interaktion.
Mit Blick auf gesellschaftlichen Wandel sind vor allem in Krisen Fragen nach der Notwendigkeit heilpädagogischer Angebote genauso aufgeworfen wie die Frage nach dem Sinn einer heilpädagogischen Zuwendung in der Theorie-Praxis-Relationierung, wenn alle Kinder und Jugendlichen pädagogisch-präventiv adressiert werden sollen.

Die Themenplateaus der Tagung, zu denen Beiträge (auch verschränkt) eingereicht werden können, sind:
- Reichweite sozio-emotionaler Entwicklungsförderung
- Paradigma Prävention
- Disziplin und Profession zwischen Ethik und Evidenz
- Soziale Distanz und Bindung
- Digitalisierung und Heilpädagogik
- Transfer von sonderpädagogischem Know-How
- Multiprofessionelle Zusammenarbeit

Eingereicht werden können drei unterschiedliche Formate:
1 Vortrag
2 Round-Table-Discussion
3 Posterpräsentation

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Literatur

Gingelmaier, S., Taubner, S. & Ramberg, A. (Hrsg.) (2018). Handbuch Mentalisierungsbasierte Pädagogik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Kuhn, T. S. (1967). Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Lakatos, I. (1978). The Methodology of Scientific Research Programme. Philosophical Papers Volume 1. Cambridge: Cambridge University Press.

McCormick, M. P., Neuhaus, R., Horn, E. P., O’Connor, E. E., White, H. S., Harding, S., Cappella, E. & McClowry, S. (2019). Long-Term Effects of Social–Emotional Learning on Receipt of Special Education and Grade Retention: Evidence From a Randomized Trial of INSIGHTS. AERA Open 2019, Vol. 5, No. 3, pp. 1–21. DOI: 10.1177/2332858419867290