Leitgedanke & Call for Papers

Thema: Macht und Ohnmacht in der Pädagogik bei psychosozialen Beeinträchtigungen

Den Call for Papers finden Sie hier als PDF-Datei.

Beziehungen in Settings non-formaler und formaler Bildung können in vielerlei Hinsicht durch Macht- und damit auch Ohnmachtsbedingungen für die Akteur*innen geprägt sein. Aus pädagogischer Perspektive sind die aktiven Macht-Ohnmacht-(Re-)Produktionen der Handelnden und der Anteil des institutionellen Gefüges dabei als ineinander verschränkt zu denken. „Setting“ beschreibt im gegebenen Kontext folgerichtig das Miteinander individuell, habituell und situativ hergestellter hierarchischer Konstellationen einerseits mit den institutionell und strukturell verankerten Strategien von Macht und Ohnmacht andererseits.

Die Arbeit mit hoch belasteten jungen Menschen und Familien bedarf in besonderer Weise der Reflexion von Macht-Ohnmacht-Dynamiken. Dies zeigt sich u.a. in den folgenden Grundbedingungen dieses Arbeitsfelds:

  • Verinnerlichte Ohnmachtsrepräsentanzen, deren Bedingungsfelder u.a. in (sexualisierter) Gewalterfahrung, Flucht oder sozialer Marginalisierung liegen, werden von den betroffenen Menschen in die pädagogischen Settings hineingetragen und selten verbal, meist über das nicht der unmittelbaren Reflexion zugängliche Verhalten ausagiert.
  • Die Professionalitätsvorstellung angehender und erfahrener Fachkräfte ist in diesem Bereich nicht selten von hoher eigener Bedürftigkeit, Rettungs- und/oder Machtfantasien geprägt, deren Wirkmächtigkeit sich weitgehend unabhängig von formellen Leitbildern und Handlungsanweisungen entfaltet.
  • „De-Autonomisierung von Lebenspraxis“ (Oevermann) als Aspekt pädagogischer Professionalität und übergriffiges Dominanzgebaren und machtvolle Disziplinierung sind nicht immer leicht unterscheidbar.
  • Ähnlich wie es A. Prengel für die Dimensionen „Anerkennung“ und „Verletzung“ beschreibt, sind auch „Macht“ und „Ohnmacht“ nicht kategorial voneinander getrennt. Vielmehr lassen sich in konkreten Beziehungsgefügen mit „schwierigen“ Kindern und Jugendlichen zahlreiche Zwischentöne und auch Ambivalenzen hinsichtlich dieser Dimensionen aufzeigen.
  • Die spezifischen Institutionen der Arbeit mit „schwierigen“ Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen bieten einen „Freiraum“ für pädagogische Beziehungsmuster, der dem gesellschaftlichen Konsens gewaltfreier Erziehung nicht selten diametral entgegenläuft.

Zudem lassen sich auch die hochschulischen Beziehungen zwischen Professor*innen, Mitarbeitenden und Studierenden entlang von Macht-Ohnmachts-Konstellationen analysieren. Unter der Perspektive eines Hochschulmilieus ist eine Macht-Ohnmacht-Prozesse reflektierende Ausbildung der Studierenden kaum denkbar, wenn grundlegende Fragen der Abhängigkeit, (Selbst-)Ausbeutung und Grenzüberschreitungen innerhalb des Hochschulmilieus nicht umfänglich analysiert werden. Solcherlei Überlegungen sind wiederum auf das Engste verschränkt mit dem „Sozialen Ort“ (Bernfeld) der Entwicklung der Hochschuldozierenden. Privilegien und Macht einerseits sowie Marginalisierung und Ohnmacht andererseits lassen sich dabei nicht ausschließlich an den Heterogenitätsdimensionen „Gender“ und „Rassismuserfahrung“ festmachen. Gleichwohl sind dies zwei zentrale Dimensionen, anhand derer sich die strukturell verankerte und in konkreten Beziehungen aktualisierte Ungleichheit in Hochschulen festmachen lässt.

Nicht zu vergessen sind schließlich die Macht-Ohnmacht-Verhältnisse im gesellschaftlichen Kontext. Die letzten zwei Wellen der so genannten Leipziger-Mitte-Studie belegen nachdrücklich eine zunehmende Ausgrenzung etwa von geflüchteten, psychisch erkrankten oder von Armut betroffenen Menschen. Wenn die Pädagogik bei psychosozialen Beeinträchtigungen als sozialkritische, emanzipatorische Fachdisziplin verstanden wird, kann sie sich diesen gesellschaftlichen Fragen nicht entziehen. Gesellschaftliche und auch wissenschaftliche Diskurse, etwa der „Critical Whiteness Theory“, der „Disability Studies“ oder der „Differenzkritik (Doing Difference)“ können wichtige Impulse auch für die Pädagogik bei psychosozialen Beeinträchtigungen liefern. Neben anderen Ankerpunkten könnte hier auch die Frage interessant sein, ob durch die Selbstidentifikation mit dem „Disempowerment“/der Ohnmacht nicht nur neue Formen der Bemächtigung, sondern wiederum auch der Ausgrenzung (scheinbar) privilegierter Menschen ausgelöst werden.

Auf der Tagung der Dozierenden 2018 in Ludwigsburg stand das Selbstverständnis des Fachs unter dem Titel „&“ im Mittelpunkt des Diskurses. Das Rahmenthema für 2019 knüpft an dieses Thema an. Denn es bietet Möglichkeiten, Grundfragen des Fachs neu oder wieder zu durchdenken und mit den Kolleg*innen aller Hochschulstandorte zu diskutieren. Einige Anregungen für Beiträge bietet die folgende, gänzlich unvollständige Aufzählung:

  • Wie lassen sich professionelle Formen der „De-Autonomisierung von Lebenspraxis“ (Oevermann) von Macht-missbrauchenden Praktiken unterscheiden?
  • Welche Macht-Ohnmacht-Konstellationen werden im Kontext von Förder- und Strafmaßnahmen (z.B. Trainingsraum, Verhaltensmodifikation, Sozialtrainings) (re-)aktiviert? Wie können diese Programme in pädagogischer Praxis eingesetzt werden, ohne zur Chronifizierung oder Verstärkung von Ohnmachtserfahrungen beizutragen?
  • Lassen sich schulische Selektions- und Allokationsprozesse sowie die Feststellungsverfahren sonderpädagogischer Förderbedarfe als strukturell legitimierte Machtdemonstration von Fachkräften und Institutionen interpretieren? Welche Auswege aus dem damit verbundenen, altbekannten Etikettierungs-Ressourcen-Dilemma lassen sich aufzeigen?
  • Inwiefern zementieren professionelle Reflexionsstrukturen (Fallverstehen, Supervision) die strukturell, habituell, situativ und individuell (re-)produzierten Aspekte von Macht und Ohnmacht in pädagogischen Settings? Gibt es Ansätze zur Überwindung der durch Machterfahrung dominierten Interpretationszugriffe in solchen Reflexionsprozessen?
  • Welche Macht-Ohnmacht-Szenarien spiegeln sich in professioneller Kooperation, sei es innerhalb der pädagogischen Institutionen oder mit nicht-pädagogischen Akteur*innen? Welche Zugänge zu weniger hierarchischer, konstruierender Kooperation liegen vor?
  • Welche Erfahrungen bringen die Teilnehmenden zum hochschulischen Milieu mit?
  • Wie werden Macht-Ohnmacht-Konstellationen in der Forschung und Lehre reflektiert und aufgegriffen?

Vor allem aber würden wir uns freuen, wenn Sie Ihren eigenen Bezugspunkt zum Rahmenthema der Dozierendenkonferenz 2019 aufgreifen und für die Tagung aufbereiten würden. Hierbei sind Bezüge zur Forschung, zur Lehre, Praxisbegleitung und zur Reflexion des kollegialen Miteinanders an den Hochschulen in gleicher Weise willkommen.

Zu den Formaten der Tagung und Einreichungsmöglichkeiten:
Wir freuen uns auf Einreichungen in den folgenden Formaten:

  • Einzelbeiträge (20 min + 10 min Diskussion), die vom Organisationsteam zu thematisch sinnvollen Arbeitsgruppen zusammengestellt werden
  • Symposien, die im Regelfall 3-4 thematisch verbundene Beiträge beinhalten und als Ganzes von den Einreichenden vorbereitet und zeitlich getaktet werden (insg. 90 min)
  • Posterbeiträge (die jeweils in Form von 90-sek-Kurzvorträgen vorgestellt und anschließend besichtigt werden)
  • Workshops (45 min), in denen aktuelles Forschungsmaterial vorgestellt und mit den Zuhörer*innen diskutiert wird.

Beiträge können bis zum 15.04.2019 eingereicht werden (bitte zunächst per Mail an ulrike.fickler-stang@hu-berlin.de und david.zimmermann@hu-berlin.de).

Darüber hinaus möchten wir auch angesichts des Rahmenthemas folgende Formate auf der Tagung realisieren:
„Vorstrukturiertes“ Open Space, in dessen Rahmen aktuelle Fragen der Fachdisziplin diskutiert werden können. Die Vorstrukturierung besteht darin, dass die Organisator*innen bestimmte Themen bereits vorab anregen; gleichwohl können auch neue Themen von allen Teilnehmenden eingebracht werden. Wir streben hier ganz besonders einen Raum für Gespräche an, der von den Bedarfen und Themensetzungen der Menschen gestaltet wird, die eher neu in der Fachcommunity sind. Zudem soll es einen Raum des Austauschs für Promovierende geben, in denen in einem geschützten Setting gerade auch Fragen eigener Macht-Ohnmachts-Erfahrung zur Sprache kommen können.

Im Moment diskutieren wir noch die Frage, ob Professor*innen während der ersten Minuten der Rückmeldung zu den Beiträgen ausschließlich Zuhörende sein sollten oder ob dies eine unbotmäßige Diskriminierung darstellt. Vielleicht reicht es auch aus, wenn die betreffenden Kolleg*innen hier reflektiert die Anzahl und den Zeitpunkt eigener Wortbeiträge hinterfragen.

Wir freuen uns sehr auf einen vielfältigen und auch kontroversen Austausch in Berlin!

Das Tagungsteam:
Filiz Bulut, Franz Burgmer, Lars Dietrich, Ulrike Fickler-Stang, Sophie Friedrich, Josef Hofman, Sabine Hünewinkel, Katharina Obens, Elisabeth Plate, Kerstin Schicke, Katharina Weiland & David Zimmermann